Einen Tag vor der Eröffnung der 61. Berlinale, der riesigen weltweiten Kunstausstellung in Venedig, zogen Tausende durch die engen Straßen der Stadt, um gegen Israels Völkermord in Gaza und jetzt im Libanon zu protestieren. Unter den Teilnehmern befanden sich zahlreiche Künstler und Angestellte des Festivals, die in den Streik traten und dafür sorgten, dass schätzungsweise 27 der 100 nationalen Pavillons der Biennale einen Tag lang geschlossen bleiben mussten. An etlichen dieser Pavillons waren Schilder mit der Aufschrift „Wir stehen an der Seite Palästinas“ zu lesen.
Die Teilnehmer an den Streiks und Protesten folgten einem Aufruf der Organisation Art Not Genocide Alliance (ANGA, „Bündnis Kunst statt Genozid“), der auch von einer Reihe weiterer Aktivistengruppen unterstützt wurde. Die ANGA erklärte, die Aktion sei die größte ihrer Art in der Geschichte der Biennale, die vom 9. Mai bis zum 22. November dauert.
In einer Pressemitteilung erklärte die Organisation:
Israel hat in Gaza mehr als 73.000 Menschen ermordet, weitere 10.000 werden vermisst. Es hat systematisch Krankenhäuser, Schulen, Flüchtlingslager, Kulturinstitutionen und zivile Infrastruktur zerstört. Gegen die israelische Führung liegen Haftbefehle des IStGH wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Obwohl die Führung der Biennale das weiß, lässt sie Israel teilnehmen.
Als Reaktion auf den massiven Widerstand blieb der israelische Pavillon geschlossen und wurde von bewaffneter Polizei bewacht, die an einem Punkt mit Demonstranten zusammenstieß. Die Hauptausstellung der Biennale, „In Minor Keys“ im Arsenale, blieb am Vormittag weiterhin geöffnet, doch einige der ausstellenden Künstler hatten palästinensische Flaggen oder pro-palästinensische Schilder an ihren Werken angebracht.
Im Verlauf der letzten Woche hatte ANGA Flugblätter verteilt, in denen die Organisation zum Boykott von Israels „Völkermord-Pavillon“ aufrief und forderte: „Keine Partys, keine Presse, keine Beschönigung“. Die Gruppe verteilte zudem einen „Leitfaden für Komplizenschaft und Protest“, in dem Unterstützer der Gewalt gegen die Palästinenser identifiziert werden, die an der riesigen Kunstausstellung beteiligt sind, vor allem Israels wichtigster militärischer Unterstützer und größter Waffenlieferant, die USA. Im Verlauf der Woche kamen auch Forderungen auf, den Pavillon der USA wegen Washingtons Unterstützung für Israel zu schließen.
Ganz im Sinne der immer aggressiveren Einmischung der Trump-Regierung in den Kulturbetrieb hatte das US-Außenministerium gefordert, dass die Vorschläge für den US-Pavillon „amerikanische Werte widerspiegeln und fördern sollten“. Initiativen für Diversität, Chancengleichheit und Inklusion sollten hingegen nicht unterstützt werden. Tatsächlich präsentiert der amerikanische Pavillon nun etwa 30 Skulpturen, die laut dem Außenministerium „als Symbol für kollektiven Optimismus und Selbstverwirklichung [dienen] und damit das besondere Augenmerk der Trump-Regierung auf die Abbildung amerikanischer Exzellenz erweitern“. Gott bewahre!
Während der wütende Widerstand gegen Israels Teilnahme von Graswurzel-Organisationen wie ANGA ausging, versuchten führende europäische Institutionen durch eine Kombination aus politischer Verurteilung, Drohungen mit Mittelkürzung und diplomatischem Druck auf die Biennale, Russlands Teilnahme an dem Kunstfestival zu unterbinden.
Die Europäische Kommission verurteilte öffentlich die Entscheidung der Biennale-Stiftung, den russischen Pavillon wieder zu öffnen, nachdem das Land seit 2022 faktisch nicht mehr an der Biennale teilgenommen hatte. Die EU-Kommissare Henna Virkkunnen und Glenn Micallef warnten, die Teilnahme Russlands zu erlauben sei „mit der kollektiven Reaktion der EU“ auf die Invasion der Ukraine „nicht vereinbar“.
Die Warnungen der Kommission erfolgten nicht allein verbal. Sie drohte außerdem, Fördergelder für die Biennale-Stiftung in Höhe von etwa zwei Millionen Euro auszusetzen oder zu streichen. Zudem leitete sie ein formelles Verfahren zur Klärung der Frage ein, ob Russlands Teilnahme gegen EU-Sanktionen verstößt.
Darüber hinaus gab es beträchtlichen parlamentarischen und diplomatischen Druck. Eine Gruppe von Mitgliedern des Europäischen Parlaments wandte sich schriftlich an die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, und die Vizepräsidentin und Außenbeauftragte Kaja Kallas und forderten „sofortige und entscheidende Schritte“, um Russlands Teilnahme zu verhindern. Berichten zufolge protestierten auch die Ukraine und Vertreter von 22 europäischen Staaten gegen die Wiedereröffnung des russischen Pavillons in diesem Jahr.
Indirekter Druck wurde auch durch politische Boykotte ausgeübt. Der rechtsextreme italienische Kulturminister Alessandro Giuli weigerte sich wegen Russlands Anwesenheit, an der Eröffnung der Biennale teilzunehmen. Die britische Regierung verzichtete auf die Teilnahme an offiziellen Veranstaltungen im Rahmen der Biennale und an der Eröffnung des polnischen Pavillons beteiligten sich eine Reihe osteuropäischer Kulturminister, die den NATO-Stellvertreterkrieg in der Ukraine verteidigten und Russland verurteilten. Der lettische Minister trug ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Death in Venice“ (englischer Titel des Romans „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann) und einer blutroten Abbildung des Dogenpalastes neben einem Kreml-Turm.
Das alles trieft nur so vor ungeheurer und obszöner Heuchelei. Russlands Invasion der Ukraine war zwar eine reaktionäre Entscheidung des Putin-Regimes, doch der Krieg wurde von der NATO bewusst und offenkundig provoziert, um Russland zu schwächen und die Bedingungen für seine Zerschlagung zu schaffen. Was die „Demokratie“ angeht, so regiert Selenskyj in der Ukraine als Diktator, der politischen Widerstand verboten und Gegner inhaftiert hat. Alle NATO-Mächte, die den Krieg gegen Russland angezettelt haben und jetzt Russlands Anwesenheit in Venedig scheinheilig verurteilen, haben das Massaker in Gaza, im Westjordanland und jetzt im Libanon begeistert unterstützt.
Als kulturelles Zentrum stand Venedig immer wieder im Mittelpunkt von Protesten gegen den israelischen Völkermord und die Eskapaden der Superreichen. Im Jahr 2024 unterzeichneten mehr als 22.000 Künstler eine Petition, mit der sie den Ausschluss Israels von der Biennale forderten. Darin hieß es: „Es ist inakzeptabel, dass Kunst ausgestellt wird, die einen Staat repräsentiert, der weiterhin Gräueltaten an den Palästinensern verübt. Kein Völkermord-Pavillon auf der Biennale von Venedig.“
Ein Jahr später, im Sommer 2025, fanden in der Stadt Massenproteste gegen die zynische Instrumentalisierung Venedigs als malerischer Hintergrund für die Hochzeit von Amazon-Gründer Jeff Bezos statt – ein abstoßendes Spektakel, das Millionen verschlang und dem eine erlesene Auswahl der Ultrareichen der Welt beiwohnte.
Ende letzten Jahres kam es schließlich bei den 82. Internationalen Filmfestspielen in Venedig zu der „möglicherweise größten Protestveranstaltung bei einem bedeutenden Filmfestival“, als Tausende an einer Demonstration zur Verteidigung der Rechte der Palästinenser teilnahmen. Zuvor hatten die Organisatoren der Demonstration eine Erklärung veröffentlicht, in der es hieß:
Die Filmfestspiele von Venedig dürfen kein von der Realität isoliertes Ereignis bleiben, sondern müssen vielmehr ein Raum werden, in dem der Völkermord Israels und die Komplizenschaft der westlichen Regierungen verurteilt und dem palästinensischen Volk konkrete Unterstützung angeboten wird.
Die jüngsten Demonstrationen und Proteste in Venedig bestätigen, dass eine bedeutende Schicht von Künstlern und Kulturschaffenden entschlossen ist, Widerstand gegen die völkermörderische Politik Israels zu leisten, die von den westlichen Regierungen, darunter die rechtsextreme italienische Regierung unter der Führung von Giorgia Meloni, unterstützt wird.
