Perspektive

US-Mordserie in lateinamerikanischen Gewässern übersteigt 200 Tote

Aufnahme des US-Südkommandos vom 30. Mai, die zeigt, wie das US-Militär im Pazifik ein Boot zerstört und ohne Gerichtsverfahren dessen Insaßen tötet [Photo: US Southern Command]

Die Zahl der Todesopfer durch US-Militärangriffe auf angebliche Drogenschiffe vor der Küste Lateinamerikas hat die Marke von 200 überschritten. Über den jüngsten Angriff, den vierten innerhalb einer einzigen Woche, veröffentlichte das US-Militär am Samstag ein Video, das zeigt, wie ein kleines Boot im östlichen Pazifik in Flammen aufgeht. Den Berichten zufolge wurden drei Männer getötet. Damit steigt die geschätzte Gesamtzahl seit Beginn dieser Morde in der Karibik am 2. September 2025 auf mittlerweile 205. Im Oktober wurde die Kampagne auf den östlichen Pazifik ausgeweitet und hat dort bisher etwa 60 Schiffe zerstört.

Massenmord ist zur alltäglichen, bürokratischen Operation geworden, und außergerichtliche Tötungen sind Teil der imperialistischen Politik. Dies geschieht parallel zum verbrecherischen Krieg der USA und Israels gegen den Iran und den Libanon. Das libanesische Gesundheitsministerium zählt seit dem 2. März im Libanon schon 3.371 Tote, und im Iran hat die Menschenrechtsgruppe HRANA die Zahl der im Krieg Getöteten auf 3.636 beziffert. Davor hatte der Völkermord in Gaza schon weit über 70.000 Menschen das Leben gekostet.

Diese Kampagne des Massenmords enthält eine direkte Warnung an die Arbeitenden in den Vereinigten Staaten: Die in der Karibik erprobten Methoden können auch bei euch zuhause zur Anwendung kommen.

Die Trump-Regierung hat keinen einzigen der Bootsinsassen, die bei diesen US-Angriffen umkamen, identifiziert. Sie hat keine Namen genannt, keine Familien benachrichtigt, keine Beweise vorgelegt, die belegen, dass die Getöteten die ihnen vorgeworfenen Verbrechen auch wirklich begangen haben. Das US-Militär wiederholt bloß jedes Mal, dass die Schiffe „im Drogenhandel tätig“ gewesen seien, aber liefert keine weiteren Informationen. Bei all diesen Angriffen haben nachweislich nur drei Menschen überlebt und konnten gerettet werden.

In Kolumbien und in Trinidad und Tobago haben sich Familien gemeldet und ihre Angehörigen als Fischer oder Wanderarbeiter identifiziert, die zwischen den Inseln und der südamerikanischen Küste unterwegs waren. Laut Interviews der New York Times berichten ganze Fischergemeinden in Kolumbien und Ecuador, dass sie ihre Lebensgrundlage aufgegeben haben.

Die Anschuldigungen der Trump-Regierung entbehren aller Beweise. Und selbst wenn sie sich als wahr erweisen würden, wären die Tötungen dennoch Verbrechen. Der Staat behauptet, er dürfe Menschen allein aufgrund eines Verdachts hinrichten – ohne Anklage, ohne Gerichtsverfahren, ohne jeglichen Rechtsprozess und auf der ganzen Welt. Das entspricht der Definition von außergerichtlichen Tötungen – und sie wären es auch, wenn jede getötete Person genau das getan hätte, was Washington behauptet.

Schon der allererste Angriff legte den kriminellen Charakter der Kampagne offen. Den ersten Raketenangriff hatten zwei Männer überlebt, und sie klammerten sich an den Trümmern fest, worauf ein zweiter Angriff angeordnet wurde, um sie zu beseitigen. Das Töten verwundeter Überlebender ist nach den Genfer Konventionen ein klassisches Kriegsverbrechen. Die Washington Post  berichtete am 28. November, dass Verteidigungsminister Pete Hegseth die Tötung der gesamten Besatzung angeordnet hatte.

Die beiden Angriffe töteten alle 11 an Bord – neun beim ersten, die beiden Überlebenden beim zweiten Angriff. US-Präsident Donald Trump veröffentlichte an diesem Tag ein Video des ersten Angriffs auf Truth Social. So werden die Morde als Spektakel und als warnende Demonstration inszeniert: Der Staat kann jeden, an jeder Stelle und völlig ungestraft töten.

Wie Analysten von InSight Crime feststellten, haben die Angriffe die Schmuggelströme nicht nennenswert beeinträchtigt. Tatsächlich war der Kampf gegen den Drogenschmuggel nie das eigentliche Ziel.

Diese Tötungswelle auf See ist Teil einer umfassenderen Offensive, deren Ziel darin besteht, die US-Dominanz über Lateinamerika wiederherzustellen. Damit werden Operationen zum Regimewechsel vorbereitet und gegen jede Regierung ins Werk gesetzt, die sich Washington nicht bedingungslos zu Füßen wirft. Dieselbe Offensive hat im Januar zur Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch Spezialeinheiten geführt; sie beinhaltet auch einen militärischen Aufmarsch und eine Treibstoffblockade gegen Kuba.

Im weiteren Zusammenhang richten sich diese Angriffe gegen den chinesischen Einfluss in der Region. Auch die Überwachung chinesischer Fischereifahrzeuge im Pazifik gehört dazu und konzentriert sich besonders auf den peruanischen Hafen Chancay, der Ende 2024 eröffnet wurde. Er wird von dem chinesischen Unternehmen COSCO betrieben, was die USA als strategische Herausforderung für ihre Vorherrschaft in Lateinamerika betrachten.

Die pseudo-legale Grundlage der Regierung für diese Massenmordkampagne beruht auf einem vertraulichen, fast 50-seitigen Memo des Justizministeriums, in dem behauptet wird, dass sich die Drogenkartelle in einem „bewaffneten Konflikt“ mit den Vereinigten Staaten befänden. Dieser Betrug zielt darauf ab, den Unterschied zwischen Polizeieinsatz und Krieg aufzuheben, damit die Exekutive ungehindert tödliche Gewalt anwenden kann.

Die Einstufung als ausländische terroristische Organisation hat den Einsatz militärischer Gewalt jedoch noch nie autorisiert, denn hierfür wäre ein Gesetz des Kongresses erforderlich. Es fehlt schlichtweg jede gesetzliche Grundlage oder glaubwürdige Behauptung einer unmittelbaren Bedrohung. Rechtsexperten haben die Angriffe fast einhellig als verfassungswidrige Anmaßung von Kriegsbefugnissen bezeichnet.

Die Angriffe auf Boote in der Karibik und im Pazifik haben einen weitreichenden Präzedenzfall geschaffen. Dieselbe „Terrorismus“-Rechtfertigung, die für das Töten auf See herangezogen wird, haben Trumps Stellvertreter auch genutzt, um die Tötung von Renée Good in Minneapolis zu rechtfertigen, die am 7. Januar von einem ICE-Beamten erschossen wurde, als sie eine Operation von ihrem Auto aus beobachtete. Damit wurde auch die Tötung von Alex Pretti rechtfertigt, einem Krankenpfleger und Demonstranten, den Grenzschutzbeamte am 24. Januar erschossen hatten.

General Gregory Guillot, Chef des US Northern Command, erklärte am 11. Dezember vor dem Senatsausschuss für Streitkräfte, er sei bereit, solche Angriffe auch auf US-amerikanischem Boden durchzuführen, wenn sie sich gegen „als terroristisch eingestufte Organisationen“ richteten: „Wenn ich keine Bedenken hätte und von der Rechtmäßigkeit des Befehls überzeugt wäre, würde ich diesen Befehl definitiv ausführen“, sagte Guillot.

Im Rahmen des neuen innerstaatlichen Antiterrorkonzepts, das im National Security Presidential Memorandum (NSPM-7) festgeschrieben ist, bereiten sich das Weiße Haus und das Justizministerium nachdrücklich darauf vor, gegen die politische Opposition vorzugehen. Auf die Frage, ob auch Amerikaner, die sie als „inländische Terroristen“ betrachteten, denselben Methoden unterworfen wären, haben sie die Antwort verweigert.

Trotz der offensichtlichen Rechtswidrigkeit und des gefährlichen Präzedenzfalls gibt es innerhalb des politischen Establishments keine ernsthaften Bemühungen, diese Angriffe zu stoppen.

Die lateinamerikanischen Regierungen reagieren auf eine Art und Weise, die den Bankrott jeglichen bürgerlichen Nationalismus‘ offenbart. Der argentinische Präsident Javier Milei und der ecuadorianische Präsident Daniel Noboa haben sich offen auf Trumps Seite gestellt. Angeblich gegen Kartelle gerichtet, haben US-amerikanische und ecuadorianische Streitkräfte im März die „Operation totale Ausrottung“ gestartet, die eine Schneise zerstörter landwirtschaftlicher Flächen und gefolterter Landarbeiter hinterlässt.

Doch auch die nominell „linken“ Regierungen machen sich mitschuldig. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum ließ ihre Einwände gegen die Bootsangriffe fallen, nachdem sie eine Vereinbarung ausgehandelt hatte, wonach die mexikanische Marine verdächtige Schiffe vor der mexikanischen Küste aufbringen soll. Dabei ist sie selbst mit einem Skandal um geheime CIA-Operationen auf mexikanischem Boden konfrontiert, zu denen auch gezielte Tötungen mutmaßlicher Drogenbarone gehören. Sie konzentriert sich weiterhin auf die Vertiefung der militärischen und nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit mit Washington und versucht, Trumps Drohungen, US-Truppen jenseits der Grenze zu stationieren, zu beschwichtigen.

Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro hat die Angriffe auf die Boote zwar kritisiert, aber diese Kritik ging auch nach der Entführung Maduros nicht über die Forderung nach Dringlichkeitssitzungen der UNO und der OAS hinaus. Dabei sind unter den Opfern auf die Bootsangriffe auch kolumbianische Staatsbürger. Sowohl Petro als auch der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben nach ihrem Empfang im Weißen Haus keinen einzigen öffentlichen Protest gegen die Bootsangriffe geäußert. Bei den jeweiligen Treffen am 3. Februar und am 7. Mai in Washington hatten beide Trump den Ring geküsst und den Serienmörder offen gelobt.

Im April unterzeichnete Lula ein Abkommen mit Washington über die gemeinsame Bekämpfung von Drogen- und Waffenhandel. Am 29. Mai bezeichnete er die Einstufung brasilianischer Banden als „terroristisch“ durch die USA erneut als eine Bedrohung der brasilianischen Souveränität.

Diese drei gößten Mächte der Region – Brasilien, Kolumbien, Mexiko – die von „linken“ Nationalisten regiert werden, haben sich Trump angepasst. Sie machen sich mitschuldig am neokolonialen Putsch gegen Venezuela, der immer schärferen Strangulierung Kubas und der US-Mordkampagne auf hoher See. Das Bestreben des US-Imperialismus, Lateinamerika zu rekolonisieren, kann nicht gestoppt werden, wenn man sich auf irgendeinen Teil der kapitalistischen herrschenden Eliten verlässt.

Dies ist eine klare Bestätigung von Leo Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Sie stellte fest, dass in den Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung nur die Arbeiterklasse die demokratischen Aufgaben erfüllen kann, und zwar indem sie im Rahmen der weltweiten sozialistischen Revolution die Macht ergreift. Nur so kann der imperialistischen Unterdrückung effektiv Widerstand entgegengesetzt werden.

Auch die Demokratische Partei in den Vereinigten Staaten bestätigt mit ihrer Reaktion nur, dass beide großen kapitalistischen Parteien der USA eine Politik der Rekolonialisierung Lateinamerikas betreiben. Die Demokraten haben mehrere Resolutionen dagegen eingebracht, die scheitern mussten, wohl wissend, dass sie weder verabschiedet werden, noch einen einzigen Angriff verhindern würden. Einige demokratische Kongressabgeordnete berichteten, sie seien aus geheimen Briefings „beunruhigt“ und „frustriert“ herausgekommen. Aber niemand von ihnen ging über die Forderung hinaus, Hegseth müsse das unbearbeitete Angriffsmaterial herausgeben – andernfalls riskiere er den Verlust von 25 Prozent seines Reisebudgets.

Unterdessen hat dieselbe demokratische Fraktion für die Militärhaushalte und Mittelzuweisungen gestimmt, die diese Angriffe ermöglichen.

Die Angriffe auf Schifferboote haben den parteiübergreifenden „Krieg gegen die Drogen“ eskaliert, der seit langem als Deckmantel für imperialistische Bestrebungen zur Beherrschung Lateinamerika dient. Damit wurden mit Unterstützung der Demokratischen Partei Milliarden Dollar für den mörderischen Plan Colombia und den Plan Mérida in Mexiko bereitgestellt.

Eine Regierung, die sich das Recht anmaßt, auf hoher See ohne Anklage zu töten, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, ihre Opfer zu identifizieren, wird auch nicht zögern, dieselben Methoden in den Vereinigten Staaten gegen Arbeitende, Demonstrierende und politische Gegner anzuwenden.

Dieses Streben nach faschistischen Herrschaftsformen ist ein internationales Phänomen, und der Kampf dagegen kann nicht den Demokraten oder irgendeiner bürgerlich-nationalistischen Strömung überlassen werden. Er erfordert die unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten, in ganz Amerika und auf der ganzen Welt. Nur so kann die Quelle von Krieg und Diktatur, das kapitalistische Profitsystem, beseitigt werden.

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