Wir vom Aktionskomitee Kita und Bildung verurteilen auf das Schärfste die Präsenz von Bundeswehrangehörigen in den Schulen!
Am 8. Juni hat die Berliner Bildungssenatorin Günther-Wünsch (CDU) mit der Bundeswehr eine Vereinbarung unterzeichnet, die Jugendoffizieren exklusiven Zugang in unsere Klassenzimmer gewährt. Wer die offiziellen Formulierungen liest – „Partner der Schulen im Rahmen der politischen Bildung“, „mindestens halbjährliche Gespräche“, „jährliche Berichterstattung an den Bildungssenat“ –, versteht sofort, worum es geht: Schulleitungen und Lehrkräfte der Sekundarstufen I und II sowie der Berufsschulen sollen systematisch unter Druck gesetzt werden, regelmäßiger und häufiger Militärangehörige in den Unterricht einzuladen.
Das ist kein Berliner Sonderweg. Neun weitere Bundesländer haben Kooperationsvereinbarungen, am 15. Juni hat Brandenburg unterschrieben. Die Merz-Regierung fordert, die Bundeswehr müsse bis 2029 „kriegstüchtig“ gegen Russland und bis 2039 die „stärkste konventionelle Armee Europas“ werden. Dafür braucht sie zehntausende Rekruten – und die sollen in unseren Schulen geworben werden.
Was das mit unserem Alltag im Klassenzimmer zu tun hat
Wir kennen die Realität: unbesetzte Lehrerstellen, unzureichende Qualifizierung des Personals, unbezahlte Mehrarbeit, Arbeitszeiten von regelmäßig mehr als 48 Stunden pro Woche, Klassen mit über 30 Schülern. Mittelstreichungen für Ausflüge und Lehrmaterialien. Schulen, die buchstäblich auseinanderfallen. Dieselbe Senatorin, die die Bundeswehr in die Schulen holt, erklärte letzten Sommer, man könne sich die „kostenlos-für-alle-Mentalität“ nicht mehr leisten – das kostenfreie Schulessen und das Schülerticket stünden „auf dem Prüfstand“.
Für Bildung, Gesundheit und Soziales gilt die Schuldenbremse – für Bundeswehr, für Aufrüstung und Militarisierung der Infrastruktur gilt sie nicht. Bis 2029 umfassen Verteidigungshaushalt, Sondervermögen und bereits beschlossene Großprojekte ein Finanzvolumen im hohen dreistelligen Milliardenbereich.
Das ist der Zusammenhang, um den es geht: Für unsere Schulen ist kein Geld da. Für die Aufrüstung schon.
Die Botschaft an unsere Schülerinnen und Schüler ist unmissverständlich: Der Staat hat kein Interesse an eurer Bildung. Aber er braucht euch als Kanonenfutter.
„Keine Nachwuchswerbung“ – die Lüge der Jugendoffiziere
Die Schutzbehauptung, Jugendoffiziere würden „keine Nachwuchswerbung“ betreiben, ist lächerlich. 3.400 Vorträge vor fast 90.000 Schülern und Studierenden im Jahr 2023, im ersten Quartal 2026 schon über 2.000 Auftritte in Schulen! Millionenschwere Influencer-Kampagnen. Das Bundeswehr-Rollenspiel „POL&IS“ für Gymnasiasten im Unterricht. Feriencamps für Grundschulkinder. „Abenteuercamps“ für Jugendliche ab 16. Die Bundeswehr hat zwischen 2019 und 2025 bundesweit 13.200 Minderjährige rekrutiert. In 2025 rekrutierte die Bundeswehr 3.131 17-Jährige – nach Berechnung der Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes wurde 2025 jeder achte Rekrut direkt aus der Schule geholt.
Der Fall des Freiburger Gymnasiasten Bentik hat 2025 gezeigt, wie die Bundeswehr mit Kritik umgeht: Wer sich im Klassenzimmer gegen den Auftritt eines Jugendoffiziers wehrt, bekommt nicht Diskussion, sondern Repression und Gerichtsprozess. Auch einige Schulleitungen, wie das Beispiel an einem Leipziger Gymnasium 2024 zeigt, versuchen, jeglichen Protest gegen Bundeswehrauftritte zu unterbinden.
Reaktion von GEW und Linkspartei
GEW und Linkspartei protestieren zwar gegen die Kooperationsvereinbarung, rufen uns und die Eltern aber nicht zu gemeinsamen kraftvollen Aktionen auf.
Die GEW-Führung verweist Kolleginnen und Kollegen, die sich wehren wollen, auf den Dienstweg: Man könne ja einen Antrag in die Schulkonferenz einbringen. Das ist der Ratschlag eines Apparats, der keinen Kampf will, sondern Verwaltung des Konflikts.
Und auch die angebliche „fehlende Ausgewogenheit“ ist eine Falle. Die GEW fordert, zu jedem Bundeswehrbesuch müsse man auch „friedenspolitische Akteure“ einladen. Das klingt vernünftig – aber es akzeptiert die Bundeswehr als legitimen „Bildungspartner“. Genau das bestreiten wir. Die Bundeswehr hat in der Schule nichts zu suchen. Punkt.
Die Linkspartei hat einen Bundestagsantrag gegen die Kooperationsvereinbarungen gestellt – und trägt gleichzeitig überall dort, wo sie mitregiert, die Aufrüstung mit. Im Bundesrat stimmte die Linkspartei als Koalitionspartner in den Landesregierungen Bremens und Mecklenburg-Vorpommerns dem Aufrüstungspaket zu. Bodo Ramelow forderte als Thüringer Ministerpräsident offen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. In Berlin saß die Linkspartei von 2002 bis 2011 und von 2016 bis 2023 in der Regierung und betrieb Sozialabbau, dessen Folgen wir heute in unseren Schulen täglich spüren. In Mecklenburg-Vorpommern prangerte Simone Oldenburg (Linke) zehn Jahre lang die dortige Kooperationsvereinbarung an. Seit 2021 ist sie selbst Bildungsministerin – und beendet die Kooperationsvereinbarung nicht!
Diese Partei führt keinen Kampf gegen die Militarisierung der Bildung. Sie verwaltet sie.
Wohin Aufrüstung führt – die Lehren der Geschichte
Wir müssen aussprechen, worum es hier geht.
Die Bundeswehr nutzt die Zukunftsängste der Jugendlichen gezielt aus, um sie für den Kriegsdienst zu gewinnen – während dieselbe Politik ihnen Bildung und Perspektiven und uns allen bezahlbaren Wohnraum und soziale Sicherheit verweigert.
Wenn Jugendoffiziere in Klassenzimmer geschickt werden, wenn Kinder auf Panzern sitzen und mit Soldaten Schießübungen machen, wenn die Bundeswehr Feriencamps organisiert, auf Schützenfesten und öffentlichen Plätzen präsent ist – dann ist das ein bewusstes Anknüpfen an die Militärtradition und Kriegspropaganda des 20. Jahrhunderts.
Nicht, weil die Uniformen ähnlich wären. Sondern weil dieselbe gesellschaftliche Kraft – der deutsche Kapitalismus, der nach Profiten, Rohstoffen und Einflusssphären jagt – sich wieder im Krieg befindet.
Zweimal im 20. Jahrhundert hat der deutsche Imperialismus versucht, sich mit militärischer Gewalt die Vorherrschaft in Europa zu sichern. Der erste Weltkrieg kostete 17 Millionen Menschen das Leben. Der zweite – entfesselt vom deutschen Nazi-Regime, das aus der tiefsten Krise des Kapitalismus hervorging – brachte den industrialisierten Massenmord an sechs Millionen Juden und 27 Millionen Tote allein in der Sowjetunion. In beiden Kriegen spielte die Militärpropaganda in den Schulen eine zentrale Rolle: Ganze Generationen wurden zu Kanonenfutter erzogen.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Was wir dagegen tun – und warum wir Verbündete brauchen
Der Widerstand unter Jugendlichen ist gewaltig. 10.000 Schülerinnen und Schüler haben am 8. Mai 2026 allein in Berlin gegen die Wehrpflicht demonstriert, 45.000 bundesweit in über 105 Städten. 59 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sind gegen die Wehrpflicht, 28 Prozent der angeschriebenen jungen Männer haben den Musterungsfragebogen ignoriert.
Aber die Organisationen, die diese Proteste bisher tragen – SDAJ, Grüne Jugend, Jusos, Linksjugend –, führen die Bewegung in eine Sackgasse. Sie reden von „Frieden“, ohne die Ursache des Krieges zu benennen: ein Wirtschaftssystem, in dem die Jagd nach Profiten die herrschende Klasse unweigerlich in militärische Konfrontation treibt. Wer gegen Krieg kämpfen will, ohne den Kapitalismus anzutasten, wird scheitern.
Das müssen wir den Jugendlichen und auch den Eltern sagen. Sie sind unsere stärksten Verbündeten. Keine Schulleitung ignoriert eine empörte Elternversammlung. Kein Bezirksamt hält dem Druck organisierter Elternschaft stand, wenn Lehrer und Eltern gemeinsam auftreten. Wir rufen alle Eltern auf: Eure Kinder sollen lernen, nicht sterben. Schließt euch dem Widerstand an.
Was jetzt zu tun ist – und wie wir anfangen, unsere eigene Kraft zu organisieren
Wenn die Schulleitung einen Jugendoffizier eingeladen hat oder die Bundeswehr im Umfeld der Schule oder Kita aktiv ist: Sprecht mit Kolleginnen und Kollegen. Setzt eine kurze Stellungnahme auf. Informiert die Elternvertretung. Baut mit uns an jeder Schule und jeder Kita unabhängige Aktionskomitees auf. Tragt mit uns den Konflikt in die Öffentlichkeit, in die Wohnviertel und Betriebe, wo die Familien unserer Kinder leben und arbeiten.
Unsere Forderungen
- Sofortige Beendigung der Kooperationsvereinbarung zwischen dem Land Berlin und der Bundeswehr. Keine Jugendoffiziere, keine Karriereberater, keine Bundeswehr-Werbung an Schulen, Berufs- und Hochschulen und in Feriencamps.
- Stopp aller Musterungs- und Registrierungsverfahren für den Wehrdienst.
- Keine Kürzungen im Bildungsbereich. Massive Investitionen in Schulen, sofortige Besetzung aller unbesetzten Lehrerstellen, Sanierung der Schulgebäude. Das Geld für Bildung ist da – es steckt aber im Rüstungshaushalt und bei den Superreichen.
- Aufbau unabhängiger Aktionskomitees an jeder Schule und Berufsschule, an jeder Hochschule und Kita, außerhalb und gegen die etablierten Parteien und Gewerkschaftsbürokratie, die die Aufrüstung mittragen.
Wir bestehen auf dem Grundsatz, dass Bildung wichtiger ist als Profit!
Für eine sozialistische Perspektive, denn Krieg und Militarismus sind Produkte des kapitalistischen Systems, das Profite über Menschenleben stellt. Nur die Überwindung dieses Systems kann Krieg, Militarismus und Wehrpflicht dauerhaft beseitigen.
Internationale Solidarität der Arbeiterklasse, denn in jedem Land ist die arbeitende Bevölkerung mit denselben Angriffen konfrontiert: Lohnraub, Sozialkürzungen, Militarisierung. Diese Beschäftigten sind unsere Verbündeten – nicht die Funktionäre der etablierten Parteien. Wie in unserer Grundsatzresolution erklärt, vernetzen wir uns deshalb mit der Internationalen Allianz der Arbeiterallianz der Aktionskomitees.
Nehmt Kontakt zu uns auf: Für Fragen, Kritik, zum Mitmachen – schreibt uns über WhatsApp (+491748402566) oder registriert Euch im untenstehenden Formular!
