May Day 2026

Südasien, der Irankrieg und der Bankrott des bürgerlichen Nationalismus

Deepal Jayasekera, Generalsekretär der Socialist Equality Party (Sri Lanka), und Dilaxshan Mahalingam, ein führendes Mitglied der IYSSE (Sri Lanka), hielten diese Rede auf der von der WSWS und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale organisierten Online-Kundgebung zum 1. Mai 2026. Sie sprachen abwechselnd Tamilisch und Singhalesisch.

Gemeinsame Rede von Deepal Jayasekera und Dilaxshan Mahalingam zum 1. Mai 2026

Genossen und Freunde,

Wir überbringen euch revolutionäre Grüße zum 1. Mai von der Socialist Equality Party (SEP) und der IYSSE in Sri Lanka. Wir halten diese Rede gemeinsam auf Singhalesisch und Tamilisch als Ausdruck unseres Kampfes für die Einheit der singhalesischen, tamilischen und muslimischen Arbeitenden. Wir setzen damit ein Zeichen gegen die ethnischen Spaltungen, auf die sich die herrschende Klasse Sri Lankas seit fast 80 Jahren stützt.

Südasien wird in den dritten Weltkrieg hineingezogen. Der verbrecherische Krieg der USA und Israels gegen den Iran, der Krieg der USA und der NATO gegen Russland in der Ukraine sowie die Kriegsvorbereitungen gegen China sind Bestandteile einer einzigen imperialistischen Offensive. Gemeinsam mit unseren Genossen vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) kämpfen wir dafür, Arbeiter und Jugendliche in ganz Südasien als Teil einer internationalistischen Bewegung der Arbeiterklasse zu mobilisieren – um den Krieg zu beenden und seine Ursache, das kapitalistische System, abzuschaffen.

Der Krieg hat der Regierung in Sri Lanka, geführt von der Janatha Vimukthi Peramuna und ihrem Bündnis National People’s Power (JVP, NPP), jeden Anschein von Legitimität genommen. Am Vorabend ihrer Wahl Ende 2024 hatte die SEP gewarnt, dass die JVP/NPP die proimperialistische Politik der Wickremesinghe-Regierung fortsetzen werde. Jedes Wort dieser Warnung hat sich bestätigt.

Präsident Anura Kumara Dissanayake behauptet, seine Regierung nehme eine „neutrale und humanitäre“ Haltung ein. Er verweist auf die Rettung von Seeleuten des iranischen Kriegsschiffs „IRIS Dena“ durch die srilankische Marine, nachdem dieses Schiff vor der Südküste Sri Lankas im Indischen Ozean von einem U-Boot der USA versenkt worden war und mehr als 100 Seeleute dabei ums Leben gekommen waren. Dissanayake verweist auch auf die Beschlagnahmung des zweiten iranischen Schiffes, der „IRIS Bushehr“, deren Besatzung im Marinestützpunkt Welisara festgehalten wurde.

Das iranische Kriegsschiff „IRIS Dena“ während seiner Teilnahme an der Internationalen Flottenparade in Visakhapatnam (Indien) in der Bucht von Bengalen, 18. Februar 2026. Später wurde es von der US-Marine torpediert [AP Photo]

Diese Behauptungen sind Betrug. Laut einem von Reuters zitierten Kabel des US-Außenministeriums handelte die JVP/NPP-Regierung in Bezug auf beide Schiffe im Einklang mit geheimen Gesprächen mit US-amerikanischen und israelischen Diplomaten und unter den von Washington festgelegten Bedingungen. Dissanayake selbst gab am 5. März zu, dass er sich mit den „zuständigen Botschaften“, wie er es nannte – nämlich denen der Vereinigten Staaten und Israels – abgestimmt hatte. Am US-Angriff hat die Regierung keinerlei Kritik geübt. Ihr Außenministerium hat die Angreifer nicht einmal namentlich genannt. Das ist keine Neutralität, sondern Komplizenschaft.

Der Krieg hat verheerende Auswirkungen auf die Arbeiterklasse Sri Lankas. Seit dem 28. Februar sind die Kraftstoffpreise um 26 bis 33 Prozent gestiegen, die Busfahrpreise um 12 Prozent und der Preis für Kerosin – den Kraftstoff der Ärmsten – um 30 Prozent. Die Ceylon Electricity Board fordert eine Tariferhöhung von mindestens 13 Prozent. Die Regierung hat die Kraftstoffrationierung per QR-Code aus der Krise von 2022 wieder aktiviert und im öffentlichen Dienst jeden Mittwoch zum Feiertag erklärt, um Diesel zu sparen. Das Kieler Institut schätzt den Anstieg der Lebensmittelpreise auf 15 Prozent. Etwa 36 Prozent der Düngemittelimporte werden über die Straße von Hormus transportiert. Die JVP/NPP wälzt die wirtschaftliche Last des Krieges auf die Arbeiterklasse ab und verschärft damit noch die Sparmaßnahmen, die Wickremesinghe auf Geheiß des IWF eingeführt hatte.

Wie sieht es mit der offiziellen Opposition aus? Die Samagi Jana Balawegaya (SJB) von Sajith Premadasa hat das Parlament aufgefordert, „beide Seiten“ zu verurteilen. Sie stellt damit die Aggressionen des US-Imperialismus und Israels auf eine Stufe mit den iranischen Vergeltungsschlägen gegen US-Stützpunkte. Das ist keine Opposition, sondern eine politische Bemäntelung. Premadasa und seine Leute waren als Minister der UNP-Regierung unter Wickremesinghe daran beteiligt, Colombo in die US-Offensive gegen China einzubinden.

Was die tamilischen bürgerlichen Parteien angeht, so halten sie sich noch stärker zurück. Wo sie sich zu Wort gemeldet haben, sprachen sie sich überall für den Krieg aus. Am 6. März erklärte der Abgeordnete der Ilankai Tamil Arasu Kachchi, Sivagnanam Shritharan, vor dem Parlament, wenn der jahrzehntelange Krieg Colombos gegen die Tamilen im Norden und Osten eine „humanitäre Operation“ gewesen sei, dann sei der US-Krieg gegen den Iran „ebenfalls gerechtfertigt“. Kommunaler Nationalismus, ob singhalesisch oder tamilisch, endet regelmäßig in der Unterordnung unter den Imperialismus.

Der srilankische Präsident Anura Kumara Dissanayake mit US-Präsident Donald Trump und der First Lady bei einem Abendessen im Rahmen der 80. Sitzung der UN-Generalversammlung [Photo: President’s Media Division]

Die Modi-Regierung in Indien hat sich nicht weniger offen auf die Seite Washingtons gestellt. Die IRIS Dena wurde auf dem Rückweg von einer internationalen Marineübung in Visakhapatnam angegriffen, die Indien selbst ausgerichtet hatte. Zu der Torpedierung der IRIS Dena hat die Modi-Regierung geschwiegen. Am Vorabend des Kriegs besuchte Modi Israel und umarmte Netanjahu. Indien ist nun ein Frontstaat im Kriegskurs der USA gegen China.

Doch die indische Arbeiterklasse beginnt, sich zu wehren. Am 10. April traten Zehntausende Industriearbeiter in der Hauptstadtregion um Delhi in den Streik gegen kriegsbedingte Preissteigerungen. Die Modi-Regierung reagierte mit massiver Polizeirepression, verhaftete Hunderte und verleumdete die Arbeiter als „Naxaliten“ und „Agenten Pakistans“. Die stalinistischen Gewerkschaften CITU und AITUC bemühen sich verzweifelt, die Streiks unter bürokratische Kontrolle zu bringen. Von den Philippinen bis Nordirland brechen ähnliche Kämpfe aus. Die internationale Arbeiterklasse betritt die politische Bühne.

Die Frontline Socialist Party (FSP) spielt in Sri Lanka die Rolle der Pseudolinken und bringt den Widerstand zurück unter die Fittiche des bürgerlichen Staats. Auf einer Pressekonferenz am 5. März sagte FSP-Chef Duminda Nagamuwa, an die JVP/NPP-Regierung gerichtet: „Stellt euch weder auf die Seite der USA noch auf die Seite Chinas. Beide sitzen auf den zwei Seiten derselben Wippe. Wir raten der Regierung, eine blockfreie Haltung einzunehmen.“ Mit diesen Worten stellt die FSP den US-Imperialismus, der einen Vernichtungskrieg führt, auf eine Stufe mit China, das keine imperialistische Macht ist, sondern das Hauptziel dieses Kriegskurses. Das ist kein Antiimperialismus. Es ist das Gegenteil davon. Die FSP ist dazu da, die Arbeiterklasse an die JVP/NPP und über diese an den Imperialismus zu binden.

FSP-Führer Duminda Nagamuwa bei einer von der People’s Struggle Alliance organisierten Pressekonferenz, 5. März 2026 [Photo: Facebook/People’s Struggle Alliance]

Gegen dieses gesamte politische Establishment kämpfen die SEP und die IYSSE für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse. Die Einheit, die wir heute durch unsere gemeinsame Rede auf Singhalesisch und Tamilisch demonstrieren, ist die Einheit, die die Arbeiterklasse im Kampf aufbauen muss – singhalesische, tamilische und muslimische Arbeiter in Sri Lanka, gemeinsam mit Arbeitern in ganz Südasien, gegen die herrschende Klasse jeder Nation und die dahinterstehenden imperialistischen Mächte.

Wir rufen jede Arbeiterin, jeden Arbeiter und alle Jugendlichen, die diese Kundgebung verfolgen, dazu auf, sich der SEP und der IYSSE anzuschließen, das Programm des IKVI zu studieren und Aktionskomitees aufzubauen, die sich der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees anschließen.

Es lebe der internationale Sozialismus. Es lebe die Vierte Internationale!

Loading