Marxismus, KI und die Furcht des Spiegel vor der Revolution

Wenn sich Der Spiegel als eines der einflussreichsten deutschen Nachrichtenmagazine genötigt sieht, Karl Marx auf den Titel zu heben, kann es nicht gut stehen um den Kapitalismus. Auf dem Cover der Ausgabe vom 6. August prangt das Konterfei des Revolutionärs unter der Überschrift „Marx hat es geahnt“ – für eine Titelstory über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie.

Spiegel Titel 33/2026

„Naht das Ende des Kapitalismus, das Karl Marx prophezeit hat?“, fragen die Autoren Simon Book und Nicola Abé gleich im Auftakt ihres Artikels. Damit greifen sie die brennende Frage auf, die Arbeiter und Jugendliche weltweit angesichts ihrer Erfahrungen mit einem Wirtschaftssystem umtreibt, das ihnen nur noch Weltkrieg, soziale Ungleichheit und faschistische Diktatur zu bieten hat.

Durch Künstliche Intelligenz erfasst die Automatisierung nun erstmals auch in großem Maßstab geistige und akademische Arbeit. Der Artikel beklagt: „Bis vor wenigen Jahren galt Bildung als sichere Eintrittskarte in ein materiell unbeschwertes Leben. Heute ist unklar, was ein Abitur oder ein Studium noch wert sind.“ Die Universität Stanford beziffere den Beschäftigungsrückgang junger Menschen in KI-exponierten Tätigkeiten auf 16 Prozent.

Entsprechend sind die Protagonisten des Artikels entlassene Tech-Ingenieure und arbeitslose Hochschulabsolventen. Die Beschäftigten in Autowerken, Lagerhallen, Schlachthöfen, Krankenhäusern und Zustelldiensten, deren Löhne und Arbeitsbedingungen seit Jahrzehnten zerstört werden, kommen in dem langen Text nicht vor. Doch der Kapitalismus verknüpft das Schicksal beider Gruppen objektiv miteinander, indem er nun auch immer größere Teile der akademisch ausgebildeten Schichten proletarisiert.

Die Resolution „KI und der Kampf für den Sozialismus“, die von der Socialist Equality Party (USA) auf ihrem Neunten Parteitag in der ersten Augustwoche verabschiedet wurde, hat diesen Prozess genauer analysiert. Für lange Zeit sei das Versprechen einer sicheren beruflichen Anstellung durch Bildung ein zentraler Mechanismus der kapitalistischen Stabilität gewesen, heißt es dort. Und weiter:

Dieser Mechanismus wird nun demontiert. Eine Gesellschaftsordnung, die ihre gebildete Jugend proletarisiert und ihr dann jede Zukunft verwehrt, schafft sich ihre eigenen Totengräber und vollendet damit einen Prozess, den das Kommunistische Manifest vorausgesehen hat: dass das Kapital „den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft' in seine Lohnarbeiter verwandelt.

Objektiv stehen Millionen Ingenieure, Softwareentwickler und Hochschulabsolventen heute vor derselben Frage wie die Arbeiter in den Fabriken: Der Kapitalismus hat ihnen nichts mehr zu bieten außer Armut, Krieg und Diktatur. Aber wie kann er überwunden werden? Die Antwort erfordert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Marx.

Dass genau diese Schlussfolgerung die Redaktion des Spiegel beunruhigt, geht aus ihrer eigenen Argumentation hervor. Der Artikel zitiert den Soziologen Mathias Albert: „Aber mit KI ist Planlosigkeit dabei, in Perspektivlosigkeit umzuschlagen. Wir alle wissen, dass davon nicht die Parteien der Mitte profitieren. Sondern die politischen Ränder.“ Die Sorge gilt dabei nicht zuletzt einem wachsenden Interesse am Marxismus.

Wie akut die Gefahr in den Augen der Redaktion ist, zeigt der Umstand, dass Chefredakteur Dirk Kurbjuweit die Titelstory mit einem Kommentar unter der Überschrift „Marx oder Musk? Weder noch“ ergänzt hat, in dem er ausdrücklich festhält: „Die Antwort darauf ist nicht der Marxismus. Der hat in der Praxis seine eigenen Katastrophen geschaffen.“

Gemeint ist der Stalinismus. Doch die Gleichsetzung des Marxismus mit den Verbrechen der stalinistischen Bürokratie soll gerade verhindern, dass Marx’ Analyse zur Grundlage eines politischen Programms wird. Die stalinistische Bürokratie war nicht die Vollstreckerin, sondern die Totengräberin der Oktoberrevolution: Sie ermordete eine ganze Generation von Revolutionären und restaurierte schrittweise den Kapitalismus – ein Prozess, der 1991 in der Auflösung der Sowjetunion gipfelte. Verteidigt und weiterentwickelt wurde der Marxismus von Leo Trotzki und der Vierten Internationale.

Dass Kurbjuweit, einer der eifrigsten publizistischen Fürsprecher der deutschen Aufrüstung, diese Abgrenzung überhaupt aussprechen muss, ist aufschlussreich: Ein Marx, der etwas „geahnt“ hat, bleibt harmlos. Ein Marx, dessen Analyse zur Grundlage eines politischen Programms wird, stellt eine tödliche Gefahr für den Kapitalismus dar.

Denn was Marx vor über 150 Jahren analysiert hat, wird heute insbesondere durch die Entwicklung von KI für jeden Arbeiter konkret spürbar: Die Produktivkräfte sind über die Gesellschaftsordnung hinausgewachsen, in die sie eingezwängt sind.

Eine Technologie, geschaffen aus der kollektiven Arbeit und dem Wissen der gesamten Menschheit, die die Arbeit aller erleichtern und zur Lösung der drängendsten Probleme beitragen könnte, wird von einer kleinen Finanzoligarchie kontrolliert und eingesetzt, um Millionen Arbeitsplätze zu vernichten, Ziellisten für Bombenangriffe zu erstellen und einen Unterdrückungsapparat zu errichten.

Die entscheidende Frage lautet, welche Klasse dieses Werkzeug kontrolliert und in wessen Interesse es eingesetzt wird. Das „Ende des Kapitalismus“ wird damit von einer abstrakten Frage für passive Leser zu einer aktiven Aufgabe einer bewusst handelnden Arbeiterklasse.

Der soziale Blickwinkel des Spiegel-Artikels ist jedoch der einer wohlhabenden oberen Mittelschicht, die drei Jahrzehnte lang von genau jener Entwicklung profitiert hat, die die Arbeiterklasse ruinierte: Während Reallöhne stagnierten und mit den Hartz-Gesetzen ein Niedriglohnsektor entstand, stiegen Aktienkurse, Immobilienpreise und Depotwerte dieser Schicht.

Der Artikel greift die Finanzoligarchie nicht an, weil sie ausbeutet, sondern weil ihre Gier das System selbst zu destabilisieren droht. Er gibt die Warnung des Ökonomen David Autor wieder: Profitierten künftig nur eine Handvoll Menschen vom System, „dann wäre das nicht stabil. Demokratie wäre sehr schwer aufrechtzuerhalten in einer Welt, in der die meisten Menschen nichts mehr zu geben hätten“.

Entsprechend fallen die Vorschläge aus. Neben dem Ruf nach staatlicher Regulierung referiert der Artikel ausführlich und zustimmend die Ideen des Milliardärs Nicolas Berggruen: einen Fonds, in den alle Unternehmen eines Landes Anteile einlegen, und einen verpflichtenden Sparplan, der das Geld der Bürger „in Unternehmen anlegt, die durch KI immer profitabler werden“. Der Spiegel bejubelt das als „eine Art Neudefinition des Kapitalismus“ und versteigt sich zu dem Satz: „Mehr Sozialismus zur Rettung des Kapitalismus – Karl Marx hätte seine helle Freude.“

Marx hat nie ein Programm zur Rettung des Kapitalismus vertreten, sondern nachgewiesen, dass dieses System an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde geht und die Arbeiter die Kontrolle über die Produktionsmittel übernehmen müssen. Berggruens Vorschlag lässt das Eigentum an den Produktionsmitteln unangetastet: Die Konzerne bleiben in privater Hand und dem Profit verpflichtet, während die Beschäftigten Anteilsscheine an ihrer eigenen Ausbeutung erhalten.

Woran genau die Beschäftigten beteiligt werden sollen, zeigt ein Blick in die Bilanzen der großen KI-Unternehmen, die gewaltige Verluste einfahren. Der Wert dieser Firmen ergibt sich vielfach nicht aus verkauften Waren und realisierten Gewinnen, sondern aus dem, was Investoren zuletzt zu zahlen bereit waren. Die Konzerne finanzieren einander gegenseitig: Der Chiphersteller beteiligt sich am KI-Unternehmen, das mit demselben Geld dessen Chips kauft; das KI-Unternehmen mietet Rechenkapazität bei einem Cloud-Anbieter, der die Prozessoren wiederum beim Chiphersteller bestellt.

Der Artikel druckt sogar eine Grafik ab, die den KI-Boom neben die Kanalspekulation der 1830er Jahre, die Eisenbahnmanie und die Dotcom-Blase stellt. Jeder dieser Booms endete im Krach, aber die Spiegel-Autoren schlagen vor, auch noch die Ersparnisse und Renten der Beschäftigten in die KI-Spekulationsblase zu lenken.

Sollten die Versprechen astronomischer Gewinne, die den Investoren von den KI-Firmen gegeben werden, jemals realisiert werden, müssten sie letztlich aus der Arbeiterklasse herausgepresst werden. Der Artikel nimmt sogar explizit Bezug auf Marx’ Analyse der menschlichen Arbeitskraft als Quelle des Mehrwerts im Kapitalismus:

Menschliche Arbeit, das beschrieb schon Karl Marx, ist ein zentrales Element unseres Wirtschaftssystems: Kapitalisten investieren Geld. Davon kaufen sie – neben Maschinen und Produktionsmitteln – humane Arbeitskraft. Am Ende ist die Ware mehr wert, als der Lohn der Angestellten und die Fabriken gekostet haben. So macht der Kapitalist Profit und wird immer etwas reicher.

Geflissentlich verschweigt der Artikel aber die Konsequenzen dieser Einsicht. Für das einzelne Unternehmen kann der Ersatz lebendiger Arbeit durch Maschinen und KI enorme Extraprofite ermöglichen: Es senkt Kosten, steigert die Produktivität und verschafft ihm Vorteile gegenüber seinen Konkurrenten. Für das Kapital als Ganzes verschärft dieser Prozess jedoch einen grundlegenden Widerspruch. Nur lebendige Arbeit schafft neuen Wert; Chips, Rechenzentren und Stromleitungen übertragen lediglich den Wert, den die Arbeit ihrer Herstellung in sie gelegt hat.

Je mehr Kapital im Verhältnis zur lebendigen Arbeit in Maschinen und Anlagen fließt, desto stärker wächst der Druck auf die Profitrate. Marx erkannte im tendenziellen Fall der Profitrate einen zentralen Widerspruch des Kapitalismus, der das System immer wieder in Krisen treibt. Die gesamte KI-Investitionswelle beruht auf dem Versprechen, durch eine gewaltige Steigerung der Produktivität enorme Profite zu erzielen. Gleichzeitig verschärft sie genau die Widersprüche, die Marx analysiert hat.

Wie unmittelbar die Eigentums- und Klassenfrage bei der KI ist, zeigt sich am schärfsten in ihrem Einsatz für Krieg und staatliche Repression. Gerade hier lässt der Spiegel-Artikel eine zentrale Frage aus. In knapp 40 Minuten Lesezeit, die dem Leser die Gefahren der KI bewusst machen sollen, kommt ihr Einsatz in der Kriegsführung und bei der Unterdrückung von Opposition praktisch nicht vor. Lediglich in einer Aufzählung, welche die Leistungsfähigkeit der Technologie preist, tauchen Drohnen in Kriegsgebieten zwischen Telefonübersetzung und Röntgenbildern auf – ohne ein Wort der Kritik.

Dabei ist dieser Einsatz längst Realität. KI-Systeme des US-Konzerns Palantir erzeugten binnen 24 Stunden über tausend Ziele für den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran und unterstützten die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro. Ähnliche Systeme kommen beim Völkermord in Gaza zum Einsatz. In den USA rüstet derselbe Konzern die Einwanderungsbehörde ICE für die Jagd auf Migranten aus – und auf Studenten und Arbeiter, die gegen den Gaza-Völkermord protestiert haben.

Das dient als Vorbild für Deutschland. Verteidigungsminister Pistorius bezeichnet die Ukraine als Labor künftiger europäischer Kriegsführung, und in Erding entwickelt die Bundeswehr gemeinsam mit Start-ups autonome, KI-gesteuerte Waffensysteme. Nach innen entsteht dieselbe Infrastruktur: Die Polizei mehrerer Bundesländer arbeitet bereits mit Palantirs Analysesoftware Gotham, das „Sicherheitspaket 2.0“ ermächtigt BKA und Bundespolizei zur automatisierten Datenanalyse und zum biometrischen Abgleich, und in mehreren Städten läuft die KI-gestützte Videoüberwachung an.

Wer die Gefahren der KI erklärt, aber ihre aktuelle Verwendung für Krieg und Diktatur übergeht, tut das nicht aus Versehen. Der gesellschaftliche Standpunkt, den der Spiegel vertritt, ist untrennbar mit der Kriegspolitik und dem Staatsapparat verbunden, der die wachsende Opposition dagegen unterdrückt.

Was der Artikel dann schließlich als „Die Gegenbewegung“ präsentiert, erschöpft sich in Maschinenstürmerei und Technologie-Abstinenz. Er endet mit dem Aufruf zum passiven Abwarten: „Wer konsumiert? Wer rebelliert? Wer regiert? Die Fragen sind schnell gestellt. Die Antworten werden Zeit brauchen.“

Diese falsche Alternative – Anpassung an die von der Oligarchie kontrollierte KI oder Ablehnung der Technologie – lässt die entscheidende Frage unangetastet: Wer kontrolliert die Technologie und in wessen Interesse wird sie eingesetzt?

Die Antwort besteht in der Kontrolle der Technologie durch die Arbeiterklasse und ihrem Einsatz zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen statt für Krieg und Profit.

Notwendig ist die Enteignung der Konzerne, die diese Technologie besitzen – der KI-Unternehmen, der Cloud-Anbieter, der Chiphersteller und der großen Plattformen. Sie müssen in gesellschaftliches Eigentum überführt und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse gestellt werden. Keine Verstaatlichung, die den Apparat dem kapitalistischen Staat überantwortet, der aufrüstet und abschiebt. Über den Einsatz dieser Systeme müssen diejenigen entscheiden, die sie hervorbringen und deren Leben sie umwälzen.

Damit wäre der Weg frei für das, wozu diese Technologie tatsächlich taugt: für Forschung und Medizin, für ein Bildungswesen, das jedem Kind zugutekommt, für die Beseitigung der stumpfsinnigsten und gefährlichsten Arbeiten und für die Bewältigung der Klimakrise. Die Voraussetzung dafür ist die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat aus dieser Einsicht praktische Konsequenzen gezogen. Mit Socialism AI setzt es die fortgeschrittenste Technologie der Gegenwart nicht gegen, sondern für die Arbeiterklasse ein: Arbeiter und Jugendliche erhalten direkten Zugang zu den Werken von Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Luxemburg und Plechanow sowie zu über 125.000 Artikeln der World Socialist Web Site und können zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Sprache in einen Dialog damit treten.

Socialism AI ersetzt weder den politischen Kampf noch die Partei, die ihn anführen muss. Aber es ist ein Schritt in der politischen Bewaffnung der Arbeiterklasse für die Aufgabe, die sich aus der Titelgeschichte des Spiegel ergibt: die Enteignung der Oligarchie und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft.

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