Naza, ein Dokumentarfilm der israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor, erhielt bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen in Venedig den Spezialpreis der Jury.
Der Film enthält Interviews mit zwei Dutzend Angehörigen des israelischen Militärs, die die KI-Systeme und Protokolle erläutern, mit denen Israel Zivilisten in Gaza ins Visier nimmt und tötet. Der Filmtitel Naza ist ein zynisches Akronym, das die Israelischen Streitkräfte (IDF) als Kürzel für die zivilen Opfer verwenden, die sie als Folge ihrer terroristischen Bombenangriffe und Mordanschläge erwarten.
Als Naza Anfang letzter Woche in Venedig gezeigt wurde, spendete das Publikum mehr als 24 Minuten Applaus – noch länger als der bisherige Rekord von 22 Minuten Standing Ovation, den Die Stimme von Hind Rajab beim letztjährigen Filmfestival erhalten hatte.
Abraham und Szor sind zwei der vier Regisseure von No Other Land, das 2025 den Oscar als bester Dokumentarfilm erhielt. Er schildert die Bestrebungen der israelischen Regierung, Palästinenser im südlichen Westjordanland aus ihren Häusern zu vertreiben.
Am Samstagabend applaudierte das Publikum bei der Abschlussfeier der Filmfestspiele in Venedig erneut lautstark und lang, als Abraham und Szor ihren Preis entgegennahmen. Abraham erklärte in seiner Ansprache an das Publikum:
Zweifellos ist es für uns nicht leicht, hier zu sein. Ich denke an all die Menschen, die israelischen Politiker, die diesen Film angreifen, die Journalisten, die ihn attackieren, ohne ihn überhaupt gesehen zu haben (...) Tatsache ist, dass in den zehn Tagen seit Beginn dieses Films die Israelis mindestens sechs Kinder getötet haben, ein dreijähriges Mädchen in einer Schule und zwei Schwestern, die zu Hause schliefen.
Die Filmkritik in der Süddeutschen Zeitung trug die Überschrift „Wir töten diese Kinder absichtlich.“
Bei seiner Rede in Venedig erklärte Abraham, das Vorgehen der israelischen Geheimdienste, unterstützt von der Regierung in Tel Aviv, ziele auf die „Entmenschlichung der Palästinenser“ ab. Er verurteilte zudem die Tötung von mehr als 200 Journalisten in Gaza durch Israel und erklärte:
Wir glauben, dass das Leugnen eines Verbrechens dazu führt, dass es begangen wird, und deshalb ist es uns wichtig, dass die Israelis diesen Film sehen.
Das Zionistische Regime reagierte auf die Enthüllung eines Teils seiner massiven und historischen Verbrechen – wie zu erwarten – mit wütender Raserei. Kulturminister Miki Zohar forderte, den israelischen Co-Regisseuren von Naza wegen „Hochverrats“ die israelische Staatsbürgerschaft abzuerkennen.
In den sozialen Medien erklärte Zohar aggressiv, er habe die Behörden aufgefordert, „zu untersuchen, wie das Material beschafft wurde, wer dahintersteckt, und ob im Prozess der Beschaffung oder Veröffentlichung Taten erfolgten, die einer Unterstützung des Feindes im Krieg gleichkommen“.
Benjamin Netanjahu, Itamer Ben-Gvir und andere faschistische Amtsträger machten ähnliche drohende Äußerungen. Der Generalstabschef des israelischen Militärs behauptete, der Film basiere auf „blutigen Verleumungen, bewussten Tatsachenverdrehungen und schwerwiegenden, falschen Anschuldigungen gegen Soldaten und Kommandanten der IDF“. Er drohte mit rechtlichen Schritten.
Naza wurde heimlich bei Nacht auf Dächern von Tel Aviv gedreht und enthält Interviews mit 24 ehemaligen Angehörigen der IDF, darunter Datenanalysten, Drohnenpiloten und Scharfschützen. Zusammen mit weiterem Videomaterial enthüllen ihre Aussagen die Funktionsweise der computergestützten Systeme hinter Israels kalkuliertem Massenmord an palästinensischen Zivilisten in Gaza.
Im Unterschied zu Die Stimme von Hind Rajab, das den grauenhaften Tod eines sechsjährigen Mädchens rekonstruierte, das beim Versuch, aus Gaza-Stadt zu fliehen, durch israelischen Beschuss ums Leben kam, zeichnet sich Naza durch einen sachlichen, emotionslosen Filmstil aus, der sich auf die diversen Schilderungen in den Interviews konzentriert.
Aus Angst um ihre Sicherheit bleiben die Interview-Partner im Schatten. Ihr Aussehen und ihre Stimmen wurden digital verfremdet. Die Kulisse des Dachs bietet einen unheimlichen Blick auf die nächtliche Stadt. Der Kontrast zu den Israelis, die in den beleuchteten Wohnungen darunter essen, fernsehen oder Yoga-Übungen machen, trägt viel zur Wirkung des Films bei. Nur 60 Kilometer entfernt verrichtet die israelische Tötungsmaschinerie ihr mörderisches Werk.
Dem Film zufolge haben die IDF drei Programme entwickelt: das Hauptsystem „Lavender“, das von „The Gospel“ (Habsora) ergänzt wird, und „Where's Daddy?“ Diese Programme helfen bei der Identifizierung von Personen oder Zielen, die angegriffen oder zerstört werden sollen.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Das Programm „Where's Daddy?“ überwacht Telefone und ist darauf ausgerichtet, auf Botschaften wie „Papa ist zu Hause“ zu reagieren. Dies ist das Signal für einen Drohnen- oder Raketenangriff, der eine ganze Familie auslöschen soll – und natürlich alle Besucher und Nachbarn, die zu nahe herankommen.
Die IDF behaupten, der Prozess würde von Menschen kontrolliert, doch das wohl schrecklichste Detail des Films ist, dass die Programme mit einer „zulässigen Fehlerquote“ von 15 Prozent entwickelt wurden. Einer der Interviewten spricht von einer erwarteten Quote von 20 Prozent, und es wird angedeutet, dass die „Fehlerquoten“ noch höher liegen könnten. Jedenfalls kann der menschliche Bediener immer den Computer für „Fehler“ verantwortlich machen, wenn es zu sogenannten „Kollateralschäden“ kommt.
Laut der Interview-Partner können die Schwellenwerte je nach Wichtigkeit des Ziels schwanken, d.h. teilweise wurden bei einem einzigen Angriff bis zu 500 zivile Todesopfer als notwendiger Preis für die Ausschaltung eines Hamas-Führers in Kauf genommen. Die Programme werden nicht nur für gezielte Tötungen benutzt, sondern auch, um im Norden des Gazastreifens ganze Wohnviertel zu zerstören und so eine Rückkehr der Bewohner dauerhaft zu verhindern. Ein ehemaliger Soldat reflektierte über die Fähigkeiten der KI-Programme, Ziele zu finden und zu überwachen, und erklärte: „Man fühlt sich ein bisschen wie Gott.“
Im Verlauf seiner Interviews spricht Abraham den Völkermord in Gaza an. Die Antworten sind indirekt, aber auch vielsagend. Einer der Soldaten erklärt, er habe eine KZ-Gedenkstätte in Polen besucht und halte die Nazis weiterhin für böse – stellt dann aber fest: „Was bin dann ich?“ An dieser Stelle, mitten in den Schilderungen des Grauens in Gaza, fügen die Regisseure Bilder aus der Schweigeminute am Holocaust-Gedenktag in Tel Aviv ein.
Während die im Film gezeigten Programme, wie es heißt, vom israelischen Militär entwickelt wurden, erfordert ihr Betrieb Cloud-Dienstleistungen, Speicherplatz und KI-Tools, die Amazon Web Services (AWS), Google Cloud und Microsoft Azure zur Verfügung stellen. Das bedeutet, dass alle diese US-Unternehmen an Israels Kriegsverbrechen mitschuldig sind.
Israel ist stolz auf die Tötungskapazitäten seines Militärs und versucht ständig, seine Operationen im Ausland auszuweiten. Das israelische Rüstungsunternehmen Elbit Systems kündigte vor kurzem den Bau eines neuen Werks in Sachsen-Anhalt an. In der Landtagswahl vor einer Woche ging die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) hier als stärkste Kraft hervor und versucht jetzt, die Macht zu übernehmen.
Der Vorsitzende des AfD-Landesverbands, Ulrich Siegmund, begrüßte den Plan zum Bau der israelischen Waffenfabrik und stellte dabei einen Zusammenhang her zwischen der Produktion von Waffen, der inneren Sicherheit und der faschistischen „Remigration-Politik“ seiner Partei. Der schreckliche Einsatz von KI-Technologie und anderen Formen hochmoderner Waffensysteme durch den israelischen Staat, um einen Völkermord zu erleichtern, hat Konsequenzen, die weit über die Grenzen des Gazastreifens hinausgehen.
Mehr lesen
- Oscar-Verleihung: Erfolg von „No Other Land“ und „Für immer hier“ zeigt wachsende Radikalisierung der Bevölkerung
- 74. Berlinale: „No Other Land“ – eine mutige Stellungnahme gegen die israelischen Verbrechen und ihre Verteidiger
- „Szenario“: Ein filmisches Dokument der Normalisierung des deutschen Militarismus
- Die Stimme von Hind Rajab: Erschütternder Bericht über die Ermordung eines palästinensischen Kindes
