Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der 76. Internationalen Berliner Filmfestspiele (Berlinale) erklärte der Präsident der Festival-Jury und langjährige Filmemacher, Wim Wenders, zu seiner Schande, Filmschaffende müssten „sich aus der Politik heraushalten“.
Mit dieser ungewöhnlichen Äußerung reagierte Wenders auf die Frage eines Journalisten, warum das Festival keine Solidarität mit den Palästinensern in Gaza äußere, die unter Israels völkermörderischem Angriff leiden.
Der Wortwechsel verlief folgendermaßen: Anfangs erklärte ein Mitglied der Jury, die polnische Produzentin Ewa Puszczynska, auf dem Podium: „Kino hat die Macht, die Welt zu verändern.“ Ein Journalist aus der politischen Online-Interviewshow Jung & Naiv wies darauf hin, dass die Berlinale nicht in einem Vakuum stattfindet, und erinnerte daran, dass „die Berlinale als Institution in der Vergangenheit bekanntlich ihre Solidarität mit den Menschen im Iran und in der Ukraine bekundet hat, aber nicht mit Palästina, nicht einmal heute“.
Er fuhr fort: „Angesichts der Unterstützung des Völkermords in Gaza durch die deutsche Regierung und ihrer Rolle als Hauptförderer der Berlinale, unterstützen Sie, als Mitglied der Jury...“
An dieser Stelle wurde der Livestream der Pressekonferenz abgebrochen, bevor der Journalist seine Frage beenden konnte. Allerdings wurde sie von anderen Personen aufgezeichnet, die die Veranstaltung filmten. Er schloss seine Frage mit den Worten: „Unterstützen Sie, als Mitglied der Jury, diese selektive Behandlung der Menschenrechte?“
Die Pressestelle der Berlinale erklärte später in einer Stellungnahme, die Unterbrechung, die sowohl die Frage als auch die Antwort der Jurymitglieder betraf, sei auf einen technischen Fehler zurückzuführen. Doch dies ist völlig unglaubwürdig. Eine viel wahrscheinlichere Erklärung ist, dass ein panischer Redakteur einen Knopf gedrückt hat, als er die Worte „Unterstützung des Völkermords in Gaza durch die deutsche Regierung“ hörte.
In der ungeschnittenen Fassung der Pressekonferenz, die anschließend ausgestrahlt wurde, reagierte die amerikanisch-stämmige Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle als erste auf die Frage des Journalisten – indem sie versuchte, jede Diskussion mit der Erklärung zu unterbinden, die Anwesenden auf dem Podium wollten nur über Filme reden.
Puszczynska (u.a. Produzentin von The Zone of Interest) äußerte sich als Nächste. Sie bezeichnete die Frage des Journalisten als „etwas unfair“ und sehr kompliziert angesichts der Tatsache, dass es „viele Kriege mit Völkermord gibt“.
Die letzte und verheerendste Bemerkung kam vom Jury-Präsidenten und erfahrenen deutschen Filmemacher Wim Wenders, der unverblümt erklärte: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten, denn wenn wir Filme machen, die ausdrücklich politisch sind, betreten wir das Feld der Politik; wir sind aber das Gegengewicht zur Politik.“
Wenders‘ Bemerkung, Künstler seien nicht verpflichtet, zu einem seit nunmehr drei Jahren andauernden Völkermord Stellung zu beziehen, ist skandalös und muss entschieden zurückgewiesen werden.
Kunst ist keine leere, formale Übung, losgelöst vom gesellschaftlichen Leben und der Politik, oder lediglich eine Form von persönlicher Selbstentfaltung. Welche Rolle schreibt Wenders, mittlerweile ein „ökumenisch-christlicher Filmemacher“, der Kunst zu? Laut Kritikern die Beschäftigung mit dem „Innenleben“, mit der Erforschung von Erlösung, Sehnsucht und der „Gegenwart des Unsichtbaren“.
Im Jahr 2018 erklärte Wenders in einem Interview mit dem Hollywood Reporter:
Jeder Künstler ist im Grunde die Summe seiner Erfahrungen. Und spirituelle Erfahrungen sind sehr wichtig. Man kann natürlich beschließen, ein Leben zu führen, das dem zuwiderläuft. Ich war 1968 ein radikaler Student und wandte mich von meiner religiösen Erziehung ab. In den 80er-Jahren kehrte ich mit voller Wucht zurück und erkannte, dass ich sie nicht wirklich verloren hatte. Das hing eng mit dem Tod meines Vaters zusammen. Zu sehen, wie er ohne Angst und sogar mit einer gewissen Vorfreude dem Tod begegnete, war eine unglaubliche Erfahrung.
Wenders hat in der Vergangenheit wertvolle Filme gemacht, doch die Auffassung, die er in Berlin vertreten hat, ist sowohl rückständig als auch völlig falsch. Wenn Kunst Bedeutung haben soll, darf sie den heutigen Umbrüchen nicht gleichgültig gegenüberstehen. Was für eine Kunst wäre das, die die brennenden Fragen und umwälzenden Ereignisse ignoriert, die das Leben der Weltbevölkerung prägen und oft zerstören? Wie Leo Trotzki bemerkte, werden diese Ereignisse von Menschen vorbereitet und durchgeführt und beeinflussen und verändern die Menschen. Trotzki erklärte, Kunst wirke sich direkt oder indirekt auf das Leben der Menschen aus, die diese Ereignisse gestalten oder erleben. Das gilt für jede Kunst, für die großartigste, wie auch für die intimste.
Nochmals: Was hätten Filmemacher, die Massenmord in Gaza und die Drohung von Diktatur und Weltkrieg ignorieren, der Öffentlichkeit zu sagen?
Wenders Haltung ist nicht vom Himmel gefallen. Im Jahr 2000 schrieben wir in einer Diskussion über mehrere seiner Filme:
Wenn man ihn mit anderen Vertretern des Neuen Kinos, beispielsweise R.W. Fassbinder oder Volker Schlöndorff, vergleicht, offenbart Wenders dabei eine Tendenz, sich von schwierigen gesellschaftlichen und historischen Fragen zurückzuziehen. Sowohl Fassbinder (der von dem deutsch-amerikanische Regisseur Douglas Sirk mit am stärksten beeinflusst wurde) als auch Schlöndorff haben Fragen der deutschen Vergangenheit und insbesondere des Faschismus frontal angegangen ...
In Wenders Filmen bleiben die Spuren der Vergangenheit entweder nur Spuren – politische Parolen auf einer Wand im Hintergrund – oder sie nehmen eine absurde Form an – so wie der Nazi-Kriegsfilm, der in Der Himmel über Berlin (1987) geprobt wird. Dies soll nicht heißen, dass sich jeder deutsche Filmemacher in seinem gesamten Werk der deutschen Vergangenheit widmen muss, aber Wenders zeigt eine Abneigung, sich mit den Wurzeln der Probleme auseinanderzusetzen, die von den Figuren in seinen Filmen an den Tag gelegt werden: Einsamkeit, Verzweiflung, Verwirrung ...
Leider ist Wenders nicht der einzige mit dieser Art von „antipolitischer“ Gegenreaktion. Sie ist in Wirklichkeit eine Anpassung an das offizielle politische und mediale Sperrfeuer gegen die Opposition gegen den Völkermord in Gaza und die politische sowie faschistische Reaktion im Allgemeinen. Die Schauspieler Neil Patrick Harris und Michelle Yeoh äußerten sich in Berlin ähnlich unterwürfig.
Eine angemessene Reaktion auf Wenders und die anderen kam von der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. Sie erklärte in einer Stellungnahme, dass sie die Einladung zum Festival aufgrund ihrer Abscheu über die Äußerungen der Jurymitglieder ablehnen werde.
Roy betonte empört: „Sie sagen zu hören, dass Kunst nicht politisch sein sollte, ist unfassbar. Damit beendet man die Debatte über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das sich in Echtzeit vor unseren Augen abspielt – gerade jetzt, wo Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu stoppen.“ Sie fuhr fort:
Obwohl ich durch die Positionen der deutschen Regierung und verschiedener deutscher kultureller Einrichtungen zum Thema Palästina zutiefst verstört war, habe ich immer politische Solidarität erhalten, wenn ich vor deutschem Publikum über meine Ansichten zum Völkermord in Gaza gesprochen habe.
Der Widerstand gegen Israels Völkermord ist natürlich nicht auf Deutschland beschränkt. Er äußerte und äußert sich in zahllosen Massendemonstrationen, Protesten und Streiks auf der ganzen Welt, auch in Protesten zahlreicher prominenter Filmschaffender.
Im Mai 2025 unterzeichneten mehr als 350 bekannte Regisseure, Autoren und Schauspieler einen offenen Brief, in dem sie den „Völkermord, der in Gaza stattfindet“, verurteilten sowie die Untätigkeit der Filmindustrie beklagten. Auch bei den Filmfestivals in Cannes und Venedig im letzten Jahr fanden bedeutende Proteste und Demonstrationen gegen das Massaker an Zivilisten in Gaza statt.
Tuttles und Wenders‘ Haltung spiegelt den politischen Kurs des deutschen Establishments wider, nicht die Ansichten breiter Bevölkerungsschichten.
Die Berlinale ist durchaus bereit, politische Solidarität mit Staaten und Kampagnen zu bekunden, wenn es den Anforderungen ihres wichtigsten finanziellen Sponsors, des deutschen Staats, entspricht.
Der Journalist von Jung & Naiv hatte völlig Recht mit seinem Hinweis auf die „selektive“ Art der Solidaritätsbekundungen des Festivals.
In Jahr 2023 veröffentlichte die Berlinale auf ihrer Homepage eine Erklärung mit der Überschrift „Solidarität mit der Ukraine und dem Iran“. Darin hieß es: „Die Berlinale verurteilt den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf das Schärfste und solidarisiert sich mit den Menschen in der Ukraine und allen, die sich gegen diesen Krieg einsetzen. Die Solidarität gilt auch den mutigen Protestierenden im Iran, die sich gegen ein brutales undemokratisches Regime zur Wehr setzen.“
Weiter wird erklärt: „In der Filmauswahl und mit unterschiedlichen Veranstaltungen – z.T. mit Kooperationspartner*innen - wird es Schwerpunkte zu Iran und Ukraine geben.“
Ein Jahr später trat das Managementteam der Berlinale unter Führung von Carlo Chatrian nach einer parteiübergreifenden Kampagne (SPD, CDU, Grüne), angeführt von der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), zurück. Roth und die anderen hatten die Festival-Jury als „antisemitisch“ verunglimpft, weil sie den israelisch-palästinensischen Film No Other Land ausgezeichnet hatte, der die Verbrechen der israelischen Armee und Regierung an der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland dokumentiert.
Chatrians Nachfolgerin Tuttle wurde daraufhin unter Druck gesetzt. Nachdem sie erklärt hatte, sie teile die Ansicht nicht, dass No Other Land und die Äußerungen der Co-Regisseure während der Preisverleihungszeremonie 2025 antisemitisch gewesen seien, wurde sie von der pro-israelischen Organisation „Werteinitiative“ attackiert, die die Einstellung der staatlichen Finanzierung der Berlinale forderte. Auch der Berliner Senat kündigte daraufhin an, seine Subventionen für die Festspiele zu halbieren.
Der Druck der Bundesregierung und der israelischen Lobby auf Tuttle erklärt zwar ihre Versuche, eine Diskussion über Israels Kriegsverbrechen in Gaza abzuwürgen, rechtfertigt sie jedoch keineswegs.
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