Während Russland in einen eskalierenden globalen Konflikt hineingezogen wird, haben die Klassenspannungen im Land deutlich zugenommen. Im vergangenen Jahr kam es in mehreren wichtigen Industriezweigen zu Massenentlassungen, u.a. in der IT-Branche, verschiedenen Dienstleistungsbranchen, aber auch in großen staatseigenen Unternehmen wie der Russischen Eisenbahn (RSD) und dem Metallhersteller Rusal. Bis November 2025 hatten laut einem Bericht der Moscow Times mindestens zehn Unternehmen der Bergbau-, Verkehrs- und Maschinenbau-Branche kürzere Wochenarbeitszeiten eingeführt, um Kosten zu senken.
Im letzten Jahr gab es offenbar mehrere Streiks und Proteste, obwohl die Medienberichterstattung darüber sehr spärlich ist. Laut einem Bericht von Soljanka Media kam es dieses Jahr in mehreren Betrieben zu Streiks gegen die Einbehaltung von Löhnen, u.a. auf Baustellen von Nowoleks und in Betrieben von Orgenergostroi. Seit dem 20. März streiken in der Republik Komi die Eisenbahner des Unternehmens SewerPut'Stroi. Eine der streikenden Arbeiterinnen erklärte gegenüber der Moscow Times, sie hätten seit Dezember 2025 keine vollständigen Lohnzahlungen erhalten. Im Februar sei ihnen gar kein Lohn gezahlt worden. Alexandra erklärte gegenüber der Zeitung: „Die Leute müssen von irgendwas leben. Ich habe drei Kinder, ich muss Nebenkosten zahlen, für die Schule, und natürlich wollen alle auch essen.“ Laut einem Bericht vom 25. März sind auch Arbeiter anderer von SewerPut'Stroi belieferter Unternehmen mit monatelanger Einbehaltung von Löhnen konfrontiert und wollen sich dem Streik anschließen.
Offizielle Zahlen der Behörde Rosstat zeigen, dass überfällige Lohnruckstände um das 2,3-Fache gestiegen sind und jetzt mit 2,077 Milliarden Rubel (25.169 Millionen US-Dollar) den höchsten Stand seit 2016 erreicht haben. 14.700 Arbeiter haben ihre Löhne nicht erhalten, fast doppelt so viele wie 2024, als es 6.500 waren. In den meisten Fällen behaupten die Unternehmen, sie könnten aufgrund der hohen Zinsen der Zentralbank und des Wirtschaftsabschwungs keine Löhne zahlen. Die Binnennachfrage ist deutlich gesunken; viele Kommentatoren verweisen auf die Verschuldung der Bevölkerung als wichtigem Faktor.
Weitere Entlassungen und Lohnkürzungen laufen bereits an. Die russische Eisenbahn hat angekündigt, im Jahr 2026 15 Prozent ihres Personals bzw. 6.000 Stellen abzubauen. Auch mehrere Autowerke haben Entlassungen angekündigt und die Arbeitszeiten verringert. Laut einem Medienbericht haben AwtoWAS und GAS, die beiden größten russischen Automobilhersteller, im September offiziell auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt. Die Realeinkommen der Autoarbeiter sind um etwa 20 Prozent gesunken.
Der Metallkonzern Rusal hat einige seiner wichtigsten Betriebe geschlossen. So stellte das Rusal-Werk Kremny in der Region Irkutsk, das größte Siliziumwerk des Landes, am 1. Januar die Produktion ein. Mehrere andere Rusal-Werke haben die Wochenarbeitszeit reduziert. Rusal ist eines der größten Unternehmen des Landes und einer der größten Metallproduzenten der Welt. Die Belegschaft in Russland wird auf 40.000 bis 50.000 Mitarbeiter geschätzt, die große Mehrheit davon Fabrikarbeiter. Der Jahresumsatz des Unternehmens liegt oft zwischen 12 und 15 Milliarden US-Dollar.
Da die Sanktionen der USA und der EU russische Unternehmen jedoch gezwungen haben, ihre Absätze nach Asien zu verlagern, sind die Einnahmen von Rusal und vielen anderen Unternehmen gesunken. Auf den asiatischen Märkten sind sie vor allem mit der Konkurrenz durch chinesische Unternehmen konfrontiert, die oft qualitativ bessere Produkte zu deutlich niedrigeren Kosten anbieten können.
In den letzten Wochen lösten Pläne von Rusal, ein weiteres Werk in Boksitogorsk, einer Industriestadt in der Region Leningrad (nahe St. Petersburg) zu schließen, einen öffentlichen Aufschrei aus. Berichten zufolge haben die Entlassungen Mitte März begonnen. Boksitogorsk mit seinen gut 15.000 Einwohnern ist eine der vielen so genannten Monostädte, die während der Industrialisierung der Sowjetunion gegründet wurden. Anders als in großen Industriestädten sind die Arbeiter in Monostädten vollständig von einer oder einigen wenigen Fabriken abhängig, um die herum diese Städte errichtet wurden.
Die Schließung von Werken bedeutet hier die vollständige Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschen. Die Lokalmedien berichteten, dass viele Arbeiter des Rusal-Werks stark verschuldet sind, weil sie Hypotheken auf ihre Häuser aufgenommen haben und deshalb nicht einmal die Stadt verlassen und anderswo Arbeit suchen können. Neben dem Rusal-Werk gibt es in Boksitogorsk nur zwei Fabriken.
Der Fall des Rusal-Werks in Boksitogorsk hat in der herrschenden Klasse beträchtliche Nervosität ausgelöst, und der Gouverneur der Region forderte den Kreml zum Eingreifen auf. Rusal befindet sich im Besitz des Milliardärs Oleg Deripaska, dessen Nettovermögen auf 7,6 Milliarden Dollar geschätzt wird. In der Arbeiterklasse ist Deripaska wohl noch verhasster als andere Oligarchen, die ihr Vermögen durch die Plünderung von Staatseigentum während der Wiedereinführung des Kapitalismus in der ehemaligen Sowjetunion angehäuft haben.
Im Jahr 2009 führte ein Massenprotest von Rusal-Arbeitern in der Monostadt Pikaliowo zu einer der schwersten Klassenkonfrontationen in Russland unter Putin. Nach dem Wirtschaftscrash von 2008 zahlte Rusal seinen Arbeitern monatelang keine Löhne und verweigerte die Zahlung seiner Wasser- und Stromrechnungen. Deshalb stellten die lokalen Behörden den Einwohnern Wasser und Strom ab, was zu einem wütenden Protest der Arbeiter führte. Sie stürmten das örtliche Rathaus und blockierten die Autobahn, um ihre Löhne und Arbeitsplätze einzufordern. Die Lage spitzte sich so sehr zu, dass der Kreml ein Eingreifen von Präsident Wladimir Putin für notwendig hielt. Dieser rügte Deripaska im öffentlichen Fernsehen, zwang ihn, die Fabrik wieder in Betrieb zu nehmen und inszenierte sich als Verteidiger der Interessen der Arbeiter gegen den Oligarchen.
Heute herrscht in der Oligarchie nur noch größere Nervosität wegen der zunehmenden sozialen Unruhe. Die ausufernde soziale Krise ist untrennbar mit dem sich ausweitenden globalen Krieg verbunden.
Der Ukraine-Krieg, mittlerweile im fünften Jahr, hat Hunderttausende von Menschenleben gefordert, und ein Ende ist nicht in Sicht. Zudem führt die Ukraine regelmäßig Angriffe auf russisches Staatsgebiet durch, wobei täglich Dutzende, mitunter Hunderte von Drohnen abgefangen werden. Einige der Angriffe richten sich gegen Wohngebiete, die meisten zielen jedoch auf Industrie- und Energieanlagen, und die Opfer sind meist Arbeiter. In den letzten Wochen wurden obendrein russische Truppen von der ukrainischen Armee zurückgedrängt und erlitten dabei Berichten zufolge erhebliche Verluste.
Gleichzeitig hat der im Grunde genommen schon globale Krieg mit dem US-israelischen Angriff auf den Iran ein neues Stadium erreicht. Selbst wenn Russland kurzfristig von höheren Ölpreisen und der Aufhebung einiger Sanktionen profitieren mag, zielt die neue imperialistische Aufteilung des gesamten Kontinents grundsätzlich ebenso auf Russland wie auf China. Russische Medien und Experten aus dem Umfeld des Kremls waren alarmiert über die Aussicht, dass sich der Krieg direkt an die Grenzen Russlands ausweiten könnte, sowohl im Kaukasus als auch in Zentralasien. Aserbaidschan, ein Schlüsselland im Kaukasus, das von den USA und Israel seit langem als wichtiger Verbündeter in einem Krieg gegen den Iran aufgebaut wurde, ist bereits in den Konflikt hineingezogen worden.
Wie verzweifelt der Kreml versucht, ein Abkommen mit dem US-Imperialismus auszuhandeln, verdeutlicht die Tatsache, dass er sich nicht nur bei der Abstimmung über eine Resolution enthalten hat, die den Iran für seine Vergeltungsschläge auf Verbündete der USA verurteilte. Laut einem Bericht der Financial Times hat Russlands Präsident Wladimir Putin auch angeboten, die Weitergabe von Geheimdienstinformationen über Ziele an den Iran einzustellen, im Gegenzug für ein Ende der Geheimdienstpartnerschaft Washingtons mit der Ukraine. Washington soll dieses Angebot abgelehnt haben.
Während der Kreml mit den imperialistischen Mächten um eine Einigung feilscht, verschärft er gleichzeitig seine Internetzensur. Anfang des Jahres hatte der russische Staat WhatsApp blockiert, das von mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung genutzt wurde. Es wird erwartet, dass der Kreml bald auch Telegram abschaltet, den einzigen nominell verschlüsselten Messenger-Dienst, der russischen Nutzern noch zur Verfügung steht. Gleichzeitig haben gestaffelte Abschaltungen des mobilen Internets, die sich auf die Provinzen konzentrierten, begonnen, das Leben in Moskau und St. Petersburg, den beiden größten und wirtschaftlich wichtigsten Städten des Landes, zu beeinträchtigen. Vor kurzem erklärten 83 Prozent der Jugendlichen in einer Umfrage, sie lehnten die Abschaltungen ab.
